Surf- & Zirkuscamp

Die Termine 2015. 

Leider wird es in diesem Jahr KEIN Surf- & Zirkuscamp geben!!! Weitere Infos:  Surf Zirkuscamp

 

 

Kinder haben ein natürliches Entwicklungs- und Entfaltungsbedürfnis, aber ihre psychomotorische Persönlichkeitsentwicklung steht immer in Abhängigkeit zu den Entwicklungsfreiräumen, die ihnen ihre Gesellschaft zubilligt. Wenn sie ihrem Bewegungsbedürfnis nicht gerecht werden können, so spüren sie, dass das falsch ist, während die bewegungsfeindliche Welt der Erwachsenen klar zum Ausdruck bringt, dass ihre Bedürfnisse nicht willkommen sind. Sie sollen still sitzen und sich auf eine Sache konzentrieren. Die Begeisterung für eine Sache äußert sich besonders bei Kindern in innerer und äußerer Bewegung. Was macht es da für einen Sinn diese Kinder mit dem „Stillsitzen“ zu beschäftigen und sie damit schließlich von den wesentlich wichtigeren Entwicklungsthemen abzulenken? Wenn dann zusätzlich die Teilleistungsstärken dieser Kinder nicht gefragt sind, bekommen sie nicht die Wertschätzung, die sie brauchen. Eine Wertschätzung, die jeder Mensch verdient, ohne irgendetwas dafür tun oder leisten zu müssen. Einfach nur: „Schön, dass Du da bist!“. Um das Gefühl geht es dabei, ohne dass es jemand aussprechen muss. Bleibt mir diese Anerkennung aber verwehrt, so leidet mein Selbstwertgefühl, die existentielle Grundlage für mein Selbstvertrauen und damit auch das Herzstück meiner Persönlichkeitsentwicklung. Statt aber den Ursachen dieser Gleichgültigkeit auf den Grund zu gehen, und für gesündere Lebensbedingungen von Kindern zu kämpfen, stürzen wir uns auf die Kinder selber, die eigentlich  nur zu Indikatoren unserer ungesunden Lebensverhältnisse geworden sind. Wir versuchen sie in krankmachende Strukturen einzupassen. Zur Not sogar mit dem Einsatz von Medikamenten, dessen Nebenwirkungen und Folgeerscheinungen wieder die schwächsten einer Gesellschaft hilflos ausgeliefert sind. Statt sich den kranken Strukturen unserer Gesellschaft zu stellen, werden mit dem Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) zunehmend sehr umstrittene medizinische Diagnosen gestellt. Im Jahre 2000 wurde der Wirkstoff Methylphenidat im Einsatz gegen ADHS in Deutschland in einer Menge verschrieben, dass man damit über ein Jahr lang 30.000 erwachsene Menschen behandeln hätte können (vgl. Schwabe/Paffrath 2001, 619 ff.). Innerhalb von zehn Jahren hat sich diese Zahl bereits verfünffacht. Im Arzneiverordnungsreport wird für 2010 eine verschriebene Menge des Wirkstoffes angegeben, die ausreichend wäre über 150.000 Erwachsene über ein Jahr lang mit z.B. Ritalin zu versorgen (vgl. Schwabe/Paffrath 2011). Dabei sind es meist Kinder, denen dieses oder ähnliche Medikamente verschrieben werden, was diese Zahl noch erhöht.

Bei der derzeitig gestellten Diagnose ADHS handelt es sich um eine Sammelbeschreibung von Verhaltenssymtomen unterschiedlicher Ursache, die nicht auf eine einheitliche organische Störung zurückzuführen sind. Unter dem Titel „ADHS - Eine Kinder- und Jugendgeneration wird krankgeschrieben“ veranstaltete die Deutsche Gesellschaft für soziale Psychiatrie (DGSP) und die Patriotische Gesellschaft von 1765 im Februar 2012 ein Experten-Hearing in Hamburg gegen die Medikalisierung eines gesellschaftlichen Problems durch Psychopharmaka und Methylphenidat.

Einmal mehr wurde auf dieser Veranstaltung deutlich, dass wir die falschen Patienten behandeln, ohne uns damit den Ursachen der Symptomatik zu nähern. Gleichzeitig stehlen wir uns aus der Verantwortung, die wir stattdessen einer, zwar umstrittenen, aber dennoch anerkannten Krankheit zuschreiben. Die „störenden“ Auffälligkeiten innerhalb einer Gesellschaft werden so ursächlich, fast ausschließlich, auf diejenigen zurückgeführt, die oft nur mit einer natürlichen und gesunden Abwehr auf krankmachende Strukturen reagieren. Tatsächlich täte unsere Gesellschaft gut daran, ihre Chance zu nutzen, mit Hilfe der „vermeidlich“ kranken Kinder, zu gesunden. Kurt Hahn, als Pionier der Erlebnispädagogik, sieht bereits Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts die Notwendigkeit der deutschen Gesellschaft, an den jungen Menschen zu genesen. Dafür bedarf es eines Perspektivwechsels. Wir müssen begreifen, dass wir es sind, die in erster Konsequenz die Hilfe benötigen und nicht die Kinder. Anders ausgedrückt: Wer laut „Feuer!“ schreit, ist nicht automatisch der Feuerteufel. Vielen Kindern geht es wie der älteren Dame, der wir über die Straße helfen, obwohl diese gar nicht vorhatte die Straßenseite zu wechseln. Oft haben Kinder wenig Freude an unserer Hilfsbereitschaft. Die Erwachsenen müssen die existenzielle Notwendigkeit darin erkennen, die Ursachen in den ungesunden gesellschaftlichen Strukturen zu suchen. Nur die Krankheitseinsicht eines Patienten wird ihn nachhaltig dazu bringen, etwas dagegen zu tun, bzw. sich Hilfe zu suchen. Eine Gesellschaft, die gar nicht bemerkt, wie gleichgültig und lieblos sie mit einzelnen Menschen umgeht, braucht grundlegende Hilfe in ihren Alltagsstrukturen. Wenn es an Liebe in pädagogischen Institutionen fehlt, dann fehlt es auch immer an Liebe innerhalb der Gesellschaft generell.  Umso schwerer hat es eine liebevolle Pädagogik, die echte Beziehungen als die Grundlage menschlichen Daseins fördert und fordert. Ein Erkenntnisdefizit gibt es dabei allerdings nicht. Erziehungswissenschaftlich gesehen ist die Beziehungsarbeit das Herzstück der Pädagogik und die Gleichgültigkeit gegenüber einzelnen das Gift einer jeden Gesellschaft.

 

Liebe und Gleichgültigkeit

"Trampolin statt Ritalin"

 

 

 

Autor

Martin Preuß, M.Ed.

Psychomotoriker, Referent für Bildung und Bewegung
1. Vorsitzender am Institut für Erlebnispädagogik e.V.
Gründer von Bewegtes Leben und dem Circus Allegro

 

Kontakt:

Institut für Erlebnispädagogik e.V.
an der LEUPHANA Universität Lüneburg
Scharnhorststr. 1 21335 Lüneburg

m.preuss@b-leben.de

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Literatur

Schwabe, U., Paffrath, D. (Hrsg.) (2011): Arzneiverordnungs-Report 2011: Aktuelle Daten, Kosten, Trends und Kommentare. Berlin

Schwabe, U., Paffrath, D. (Hrsg.) (2001): Arzneiverordnungs-Report 2001. Berlin